Auf dem etwa 25 ha großen Gelände des ehemaligen Sammelbahnhofs Essen-Frintrop wurde eine ruderale Parkanlage gestaltet, die durch Pflege und Entwicklung der vorhandenen Vegetation, Inszenierung der Vegetations- und Raumbilder sowie Erschließung der Parkanlage für ein breites Publikum ein typisches Niemandsland des Ruhrgebiets in den regionalen Freiraumverband des Emscher Landschaftsparks einfügt.

Die industrielle Tätigkeit hat im Ruhrgebiet eine neue Landschaft entstehen lassen. Wo zuvor Felder und Wiesen waren, entstanden Zechen, Stahlwerke, Berghalden und Deponien. In kaum mehr als 100 Jahren entwickelten sich aus verstreuten Dörfern zwischen Lippe und Ruhr die Städte des Ruhrgebiets. Die Zeit von Kohle und Stahl ist mittlerweile fast überall im Ruhrgebiet zu Ende. Der andauernde Strukturwandel bietet vielfältige Chancen zur ökologischen und ästhetischen Aufwertung und Umdeutung der brachgefallenen großindustriellen Landschaften.

Mit einer Gebietskulisse von 320 km² ist der Emscher Landschaftspark das Kernstück einer neuen Freiraumpolitik im mittleren Ruhrgebiet. Dieser Park ist die regionale Version einer postindustriellen, urbanen Kulturlandschaft des 21. Jahrhunderts. Auf einer Länge von 75 km entsteht ein neuer Landschaftspark zwischen Duisburg im Westen und Bergkamen im Osten. Er ist ein Park-System aus regionalen Grünzügen, in denen an vielen Stellen neue Wege und Brücken Barrieren überwinden und neue Freiräume zugänglich machen.

So entsteht im größten europäischen Ballungsraum eine völlig neue Kulturlandschaft. Ihr Kern ist einerseits die Industriekultur in Form zahlreicher großindustrieller Anlagen und Gebäude, von denen viele umgenutzt werden. Andererseits ist es eine spezielle Form der Natur, die sich auf vielen der industrielle überformten Flächen angesiedelt hat. Diese Industrienatur ist eine besondere Mischung aus Pflanzen und Tieren, die sich an die zum Teil schwierigen Lebensbedingungen gut angepasst haben. Die schönsten dieser Flächen wurden in der Route Industrienatur zusammengefasst.

Das ca. 25 ha große Gelände des ehemaligen Sammelbahnhofs Essen-Frintrop ist sowohl ein zentraler Baustein des Emscher Landschaftsparks im Regionalen Grünzug B als auch ein Standort der Route Industrienatur. Die Größe der Fläche, ihre Lage im Freiraumverbund und die großartige Vegetationsausstattung geben ihr eine herausragende Bedeutung zur Freiraumsicherung und Inwertsetzung von brachgefallenen Infrastruktur- und Produktionsflächen.

Der Bau der Köln-Mindener-Eisenbahn 1847, der ersten Eisenbahn im Ruhr-Emschergebiet, war eine der wesentlichen Voraussetzungen für den Aufstieg der Montanindustrie. Erst durch die Eisenbahn wurde es möglich, Kohle und Eisen in großen Mengen und über weite Strecken zu transportieren. Als Folge des Bahnbaus entstanden entlang der Strecke zahlreiche neue Schacht- und Industrieanlagen, für die wiederum Rangier- und Sammelbahnhöfe benötigt wurden, so auch in Frintrop. Parallel zum Niedergang der Schwerindustrie sank auch wieder der Bedarf an solchen Güterbahnhöfen; sie wurden überflüssig und fielen brach.

Als in den 60er Jahren der Rangierbetrieb in Essen-Frintrop aufgegeben wurde, hatten Ladungsverluste der Güterwaggons wie Kohle und Kalk, vor allem aber die dicken Schotterbette der Gleisanlagen den Boden des Geländes völlig verändert. Hierdurch beeinflußt entwickelte sich die Vegetation ausgehend von widerstandsfähigen Pionierpflanzen über Sträucher bis hin zu waldähnlichen Baumbeständen in zahlreichen parallelen Streifen entlang der ehemaligen Gleistrassen. Da nicht alle Gleise gleichzeitig stillgelegt und entfernt wurden, sind heute all diese Entwicklungsstadien auf dem Gelände zu beobachten.

Die von der ehemaligen Nutzung vorgegebenen Strukturen, die spannenden Raumfolgen aus Baumbeständen, Lichtungen und Sichtachsen erinnern an Bilder klassischer Landschaftsparks, die Vielzahl von mehr als 240 Pflanzenarten wird jedoch in den meisten Parkanlagen nur selten erreicht. Der Park am Stadtrand von Essen und Oberhausen konnte daher direkt aus dem vorgefundenen Vegetationsbestand, ohne aufwendige Neupflanzungen entwickelt werden

In seinen räumlichen Grundzügen war der Park schon fertig. Die Ziele der weiteren Entwicklung sind die Pflege und Entwicklung der ruderalen Vegetationsbestände, die Inszenierung dieser unterschiedlichen Vegetations- und Raumbilder für ein breites Publikum sowie die Erschließung der Parkanlage aus den umgebenden Stadtteilen. Bislang war das Gelände ein typisches Niemandsland des Ruhrgebiets: Mauern, Geländesprünge und breite Gleistrassen riegeln das Gelände auch heute noch in weiten Bereichen von Anwohner und Besuchern ab.

Eine Freitreppe mit Aussichtsterrasse im Westen, eine von Stahlscheiben gerahmte Rampe im Norden sowie optional ein südlicher Zugang durch eine sanierte Unterführung bilden die neuen Zugänge des Ruderalparks. Da auf dem gesamten Gelände die typischen Kontaminationen ehemaliger Bahnanlagen nachgewiesen wurden, konnten weder größere Spielflächen noch Aufenthaltsorte angeboten werden. Stattdessen wurde das Konzept eines Wandelparks aus dramatischen Wege- und Sichtbeziehungen, kleineren Aufenthaltsplätzen an Wegegelenken, sowie punktuellen Inszenierungen realisiert.

Ein einfaches Wegegerüst auf ebenerdigen Gleistrassen und vorhandenen Wirtschaftswegen dient der Besucherführung zu den punktuellen Inszenierungen: Drehberg, Aussichtstürme, Trassenlabyrinth, und Substratharfe. Die neue Wegeführung wurde sensibel in die vorhandenen Strukturen integriert und führt die Besucher gezielt zu den Höhepunkten der einmaligen Ruderalflora des ehemaligen Sammelbahnhofs.

Der Drehberg, ein Kalkschotter-Kegelstumpf mit eingeschnittener Gabionenmauer ist der markante Orientierungs- und Aussichtspunkt der Parkanlage. Von hier wie von der Aussichtsterrasse an der Stahlhochstrasse hat man einen hervorragenden Blick in den Park. Im Trassenlabyrinth, einem lichten Birkenwald auf Gleisschottern geben „Schienenspur“ und die parallele „Lange Gerade“ einen Eindruck von den Dimensionen des Sammelbahnhofs. Zur Betonung der erneuten Gestaltung wurden die Birken entlang der Schienenspur in barocker Manier aufgeastet und ein Aussichtsturm in dem Wald gestellt. In der Substratharfe im Zentrum des Parks bilden intensiv blühende Stauden die ehemaligen Gleisstränge nach. Vom Aussichtsturm im Süden der Fläche ist dieser Effekt deutlich zu erleben.

In der Materialwahl der Einbauten wurde versucht, den originären Eindruck eines ruderalen Industriegeländes gestalterisch zu stärken. Durch die Verwendung von industrietypischen Materialen wie Kalkschottern, rohem Beton, einfachen Stahleinfassungen und -konstruktionen konnte der ursprüngliche Charme, der leider oftmals durch übermäßige Erschließung und Pflege verloren geht, bisher erhalten werden.

 

Gleispark Frintrop (bis 2007 Ruderalpark Frintrop)

Vorentwurf: Matthias Funk, Rainer Sachse, Friedhelm Terfrüchte
Entwurf, Ausführung, Bauleitung: Matthias Funk, Friedhelm Terfrüchte
Ökologisches Pflegekonzept: Michael Hamann
Text: Matthias Funk, Olaf Kasper, Michael Hamann

Landschaftsarchitekten: Davids, Terfrüchte + Partner, Essen
Biologen: Hamann + Schulte, Gelsenkirchen
Bauausführung: LEG Standort- und Projektentwicklung GmbH

Bauträger: Kommunalverband Ruhrgebiet
Baukosten: 465.000 €
Fertigstellung 1.BA Herbst 1999

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