Das Projekt Timeline, eine Reflektion über die Vergänglichkeit von Landschaft, entstand im Rahmen der Sommerschule 1996: „Passagen der Landschaft” an der Akademie und Werkstatt der Stiftung Bauhaus Dessau.

 

"Die Sommerschule erkundet den Wandel - die Passagen - der Wahrnehmung von Landschaft und deren Konsequenzen für die Gestaltung von Räumen. Landschaft ist eine Art und Weise des Sehens und Erkennens, ein visueller Code, in dem kulturelle Orientierungen des Umgangs mit Natur symbolisiert sind. Der Garten als Sehnsuchtsraum einer Harmonie mit der Natur und die Brache als Ort, an dem die Gewaltsamkeiten der beherrschten Natur offenbar wird, sollen zum Ausgangspunkt eines experimentellen Erforschens eingeübter Wahrnehmungs- und Bewegungsmuster von Landschaft werden." (Ausschnitt aus der Programmankündigung, Stiftung Bauhaus Dessau 1996)

Der vorgefundene Ort

Eine auffällige, nur an diesem Ort auftretende, geologische Sedimentenschichtung aus weißem Sand, Kohleresten und kiesigen Substraten bildet eine lineare Talraumsituation, die von freistehenden, geometrisch eindeutigen Aufschüttungskegeln umgeben ist. Aus dem Talraum eröffnen sich verschiedene Aus- und Durchblicke in benachbarte Talräume und auf die ruhenden Bagger von Ferropolis. Der Talraum selbst wird durch die eindeutig auf eine Talseite beschränkte Vegetation, sowie den starken Kontrast zwischen weißem Sand und schwarzer Kohleschicht auf der anderen Talseite bestimmt.

Die Deutung des Orts

Der Ort konstituiert in seinem momentanen Zustand einen landschaftlichen Raum mit eigenständigem, positiv erlebbarem Charakter, der sich eindeutig von bekannten Landschaftsräumen unterscheidet. Der momentane Charakter des Orts ist ein temporärer Übergangszustand, da die Talraumsituation in Zukunft ihre klare Struktur verlieren wird. Durch weitere Erosion der sandigen Hangseite erfolgt eine Einebnung des Tals, die sukzessive Besiedlung des gesamten Talraums durch Pioniervegetation wird den Kontrast der beiden Talseiten verwischen, Eingriffe verschiedenster Art (Tritt, Abgrabungen, ...) werden durch Spaziergänger stattfinden, und letztendlich wird eine Flutung den Ort grundlegend neu definieren.

Die zukünftige Entwicklung des Orts ist somit nicht eindeutig vorhersagbar, da diese Prozesse in unprognostizierbarer Art und Stärke auf ihn einwirken werden. Die einzige Sicherheit die der Ort bietet ist, dass er sich im momentanen Zustand nicht erhalten wird, und dass er sich insbesondere nicht absichtlich konservieren läßt, ohne das dabei sein transitorischer Charakter - sein besonderer Reiz - zerstört wird.

„Die Tragödie dieser Welt ist, dass niemand glücklich ist, gleichgültig, ob er in einer Zeit des Leidens oder der Freude verhaftet ist. [...] Denn ein Leben in der Vergangenheit kann unmöglich an der Gegenwart teilhaben. Jeder, der in der Zeit stehenbleibt, bleibt allein stehen.”

aus: Lightman, Alan, 1993: Und immer wieder die Zeit - Einsteins dreams. Hamburg.

Das Konzept zur Gestaltung

Alles ist in Bewegung: Abbau, Ablagerung, Erosion, Sukzession, Flutung, ... auch der Mensch bewegt sich durch den Landschaftsraum innerhalb der Grube. In ihrer grundlegenden Konstitution erscheint sie somit nicht als Ort des Wohnens, sondern ein Ort der Bewegung, der Veränderung. Die Gestaltungselemente folgen deshalb den Bewegungen ihres Umfelds, sie sind nicht dauerhaft fixiert. Und auch der Betrachter bewegt sich durch den Ort, ein Aufenthalt wird nicht provoziert.

Die Formulierung des Orts zielt auf eine Abfolge von landschaftlichen Bildern, der Übergang von einem Bild zum Nächsten wird zum Charakteristikum des räumlichen Weges durch den Talraum. Damit Teile des Orts als landschaftliche Bilder wahrnehmbar sind, werden zwei Elemente in Form transformierter Tagebaubetriebsreste dem Ort hinzugefügt. Dabei handelt es sich um ein Schienenobjekt, das als ein Symbol des „Wegs durch die Zeit” steht, und um Schienenschrauben, die als Wegekennzeichnungen innerhalb der räumlichen Konstellation dienen.

Der zeitliche definierte Weg der Schiene hat einen Anfangspunkt (= Formulierung des Orts als Bilderort) und einen Endpunkt (= Zerstörung des Orts in seiner charakteristischen Eigenart durch Erosion, Spaziergänger oder Flutung). Das Schienenobjekt, die Zeitschiene liegt auf einer fragilen Erosionsfigur. Sie betont die Unmöglichkeit diese Figur zu konservieren; die Figur steht unter ihrem Druck und die Zeit fährt über sie hinweg. Dieses Bild ist nicht dauerhaft in der Zeit verankert, sondern es wird sich im Laufe der Zeit durch die einwirkenden Prozesse verändern. Diese Veränderungen werden an der Konstante der Zeitschiene ablesbar sein. Der räumliche Weg wird entlang der Schnittkante der zeitlichen Prozesse beider Talseiten geführt. Diese beiden Prozesse streben gegeneinander, eine Veränderung zu Gunsten einer der beiden Talseiten wird anhand der Wegemarkierungen wahrnehmbar sein.

Die Realisierung des Gestaltungskonzepts

Die Formulierung des räumlichen Weges entlang der Grenze von Erosion und Sukzession (Sand - Gras - Grenze) erfolgt mittels der Markierung dieses Weges durch 24 Schienenschrauben. Ein sichtbarer Etapen - Zielpunkt wird am räumlichen Weg durch Plazierung des Schienenobjekts oberhalb einer auffälligen Erosionsfigur definiert. Diese Schiene dient dabei als Katalysator in der Wahrnehmung der verschiedenen landschaftlichen Bilder, sie ist der Aufmerksamkeitsbrennpunkt, um den herum die Landschaftsbilder entstehen. Desweiteren erfolgt eine Verdichtung des Abstands der Schienenschrauben am Etapen - Zielpunkt von 24 dm über 12 dm, 6 dm, 3 dm auf 1,5 dm; die letzte Schienenschraube ist geschliffen und klarlackiert, und mit dem eingeschlagenen Buchstaben „Z” versehen.

Das Schienenobjekt, die Zeitschiene, hat eine Länge von 12 dm, sie hat eine geschliffene und klarlackierte Oberfläche mit eingeschlagenem Text:

„Jeder, der in der Zeit stehenbleibt, bleibt allein stehen.”

 

Workshopbeitrag Timeline - Ideen und Realisation: Matthias Funk
Sommerschule 1996: Passagen der Landschaft
Akademie und Werkstatt der Stiftung Bauhaus Dessau
Workshopleitung: Herman Prigann, Jens Köster, Bertram Weishaar

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